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Das Unbewusste

Verschiedene Begriffe wie Unbewusstsein oder Unterbewusstsein machen deutlich, dass das Unbewusste kaum zu beschreiben ist, gerade weil es sich dem Bewusstsein entzieht. Gleichwohl gehen psychotherapeutische Schulen, vor allem die Psychoanalyse, davon aus, dass unbewusste Prozesse das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen dauerhaft bestimmen. Das Bewusstwerden unbewusster Inhalte und Abläufe sei somit Aufgabe einer guten Psychotherapie. 

Auch in den Neurowissenschaften wird davon ausgegangen, dass unserem bewussten Dasein viele unbewusste Prozesse vorausgehen.


Mit Bezügen zu Kant und zu den Romantikern greift S. Freud den Begriff des Unbewussten auf und bezieht ihn stark auf körperliches Geschehen: das Grundprinzip des Lebendigen ist grundsätzlich unbewusst und vital, an Freude und Lust (triebhaft) ausgerichtet und kennt weder Zeit noch Logik (primärprozesshaft). Weil menschliche Existenz nur innerhalb gesellschaftlicher und kultureller Vergewisserung gelingt, also Moral und Regeln bedarf, können heftige Konflikte zwischen Triebimpulsen (Es) und verinnerlichten Überzeugungen (Über-Ich) entstehen, die – halb-bewusst (vor-bewusst) – verdrängt werden (Psychodynamik), aber als verdrängte Konflikte immer wieder unser Leben zutiefst prägen (Wiederholungszwang). Zu Bewusstsein gelangen in der Regel allerdings nur kognitive und affektive Aspekte, die der Lebensfreude und das eigene Selbstbild bestätigen bzw. kaum in Frage stellen - nicht aber die inneren verdrängten Konflikte. Kann die Verdrängung – etwa in therapeutischer Arbeit – erkannt und überwunden werden, entsteht die Freiheit, die eigenen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen. - Das Unbewusste allerdings geht nie ganz in Bewusstsein auf und bleibt als Ort des Lebendiges auch fremd im eigenen Leib.

Im Unterschied zu S. Freud hat C. G. Jung die „dialogische Beziehung“ zum Unbewussten betont und das Unbewusste als kreative Quelle unseres Dasein angesehen, die von der evolutionären Erfahrung der gesamten Menschheit gespeist ist und für eine gute Lebensführung bewusst bzw. erschlossen werden kann.

Moderne Psychoanalyse formuliert vier verschiedene Aspekte des Unbewussten:

  • schöpferisch-kreatives Unbewusste, vitale Quelle unserer Existenz, als Gesamtes bleibend unbewusst, in Aspekten für das Bewusstsein zugänglich 
  • biographisch Unbewusstes (etwa Beziehungsmuster usw.)
  • verdrängtes Unbewusstes (aus eigener Konfliktgeschichte erwachsen)
  • traumatisch-dissoziiertes Unbewusstes (abgespalten)

In aktueller Psychotherapie mit Bezug zur sowohl zur Neurowissenschaft als auch zur Affekt- und Bindungsforschung wird angenommen, dass nicht Triebimpulse, sondern traumatische Bindungsenttäuschungen und -verletzungen verdrängt werden. So kann die therapeutische Perspektive vom Individuum auf generationelle Prozesse erweitert und weiter gereichte Verletzung innerhalb der Generationen deutlich werden.

Im Umgang mit den Unbewussten bleibt: das Unbewusste ist Teil unseres Körpergeschehens, Quelle von Freude, die etwa auch hypnotherapeutisch erschlossen werden – aber auch Quelle von Leid als abgespaltene traumatische Erfahrung oder als konflikthaftes Bindungsmuster, welches – hoffentlich - therapeutisch verändert werden kann.